Über das Projekt

Die Erinnerung an den Holocaust bezieht sich vor allem auf die Lager und die Ghettos in großen Städten. Ihre Orte sind das Ziel von Studienfahrten, dort werden die zentralen Gedenkfeiern abgehalten. Die Holocaustforschung hat jedoch ermittelt, dass ungefähr ein Viertel aller Opfer erschossen wurden. Im Generalgouvernement geschah dies besonders häufig in ländlichen Gegenden. Dort ermordeten die Deutschen ihre Opfer in deren Heimatstädten und -dörfern oder in der näheren Umgebung. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Viele dieser Morde wurden während der Ghettoliquidierungen im Rahmen der sogenannten Aktion Reinhardt begangen. Wie dies genau ablief, ist bislang kaum erforscht. Wir wissen wenig über die direkten Täter und über die Personen, die ihnen halfen; darüber, wie sie die Orte ihrer Verbrechen auswählten oder wie sie versuchten, die Spuren ihrer Taten zu verwischen. Und wir wissen ebenfalls sehr wenig darüber, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an den Orten, an denen die sterblichen Überreste der Opfer ruhen, geschah.

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Fot. Paweł Masłowski
Seit 2023 bemüht sich eine Gruppe von Forschenden darum, das vorhandene Wissen systematisch zusammenzutragen und kontinuierlich zu erweitern. Die Beteiligten stammen aus unterschiedlichen Disziplinen und arbeiten in verschiedenen akademischen Institutionen in Polen, Deutschland, Österreich, Großbritannien und Israel. Wir begannen mit dem Aufbau einer interaktiven Karte, die den „verstreuten“ Charakter des Holocaust aufzeigt und auf der Orte verzeichnet sind, an denen sich Massengräber von Juden*Jüdinnen sowie Sinti und Roma befinden, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. Die Karte macht deutlich: Der Holocaust in Polen umfasste mehr als den oft als industriell bezeichnete Massenmord in den Lagern von Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Bełżec, Sobibór, Kulmhof und das massenhafte Leid in den Ghettos von Warschau, Krakau, Lodz, Lublin und Bialystok.

Dank Unterstützung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ), der Zeit Stiftung Bucerius sowie der Fritz Thyssen Stiftung konnten wir auf der Karte alle Massengräber auf dem Gebiet des sogenannten Generalgouvernements (also des Teils des besetzten Polens, der nicht an das Reich angegliedert wurde) eintragen, die wir bisher identifiziert haben. Wir stützten uns dabei auf die “USHMM Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945” sowie auf Informationen aus polnischsprachigen Publikationen und Quellen. Auf dieser Grundlage haben wir eine Datenbank erarbeitet, die als offenes Repositorium zur Verfügung gestellt wird. In den meisten Gräbern, die auf der Karte verzeichnet sind, ruhen Opfer der sogenannten Aktion Reinhardt. Dies war der Deckname für die geplante Auslöschung der gesamten jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen. Diesen Massenmord führten die Deutschen zwischen April 1942 und November 1943 durch. An vielen Orte wurden aber in den anschließenden Wochen und Monaten noch weitere Menschen ermordet worden, denen es zunächst gelungen war, sich den Deportationen oder Erschießungen durch Flucht und Verstecken zu entziehen.

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Fot. Paweł Masłowski
Jeder Ort auf der Karte verfügt über eine Beschreibung mit den bisher bekannten Informationen zur Geschichte und Erinnerung. Diese Angaben werden kontinuierlich ergänzt. Bei der Anzeige kann zwischen verschiedenen Karten gewählt werden: Neben der aktuellen stehen noch zwei unterschiedliche historische Karten (eine aus der Vor- und eine aus der Nachkriegszeit) zu Verfügung. Für einige Orte, in der jetzigen Projektphase in erster Linie im südöstlichen Polen gelegen, werden weitere Materialien bereitgestellt: Archivalische Quellen und Luftbilder. Auch diese werden sukzessive ergänzt. Nach wie vor sind zahlreiche Gräber, an denen menschliche Überreste von Opfern des Holocaust ruhen, nicht lokalisiert. Ihrer Auffindung widmet sich die Stiftung Fundacja Zapomniane. Falls Sie Informationen über Massengräber von Opfern des Holocaust haben, die nicht auf unserer Karte enthalten sind, oder falls Sie Angaben korrigieren möchten, schreiben Sie uns bitte.

Die interaktive Karte ist nur ein Teil unserer Arbeit: Ein Projektteam ist regelmäßig unterwegs, um vor Ort weitere Informationen über Massengräber des Holocaust zu sammeln. Derzeit konzentrieren sich diese Aktivitäten auf die Niederen Beskiden, einer Region im Südosten Polens. Alle Untersuchungen sind nichtinvasiv, da die Halacha (die Gesamtheit der jüdischen Rechtsvorschriften) es nicht gestattet, die Totenruhe zu stören. Dies schließt insbesondere Ausgrabungen an Grabstätten aus. Unsere Arbeit beinhaltet zum einen, dass wir mit Zeitzeug*innen sprechen. Das sind heute in erster Linie Menschen, die uns etwas über die Nachkriegsgeschichte der Gräber erzählen können, denn Personen, die sich an die Zeit des Krieges und an die Ermordung der jüdischen Bevölkerung ihrer Stadt erinnern könnten, gibt es kaum noch. Zum anderen suchen wir in Archiven nach Quellen zur Geschichte des Holocaust und auch des Massenmords an Sinti und Roma. Dabei sammeln wir Materialien zu Exhumierungen, zur Sicherung der Gräber, zum Bau (und Umbau) von Denkmälern sowie zu Feierlichkeiten anlässlich von Jahrestagen. Wir rekonstruieren die Geschichte der Grabstätten unter anderem mit Hilfe von historischen Luftbildern, durch eine Analysen der natürlichen Begebenheiten wie zum Beispiel des Baumwuchses, mit Hilfe von Daten, die aus digitalen Höhenmodellen gewonnen wurden (auf Basis von LiDAR-Technologie) sowie mit Hilfe von Aussagen, die wir aus Gesprächen mit professionellen und autodidaktischen Lokalhistoriker*innen sowie mit Menschen, die sich um die Pflege der Gräber kümmern, gewinnen können. Zu unserer Arbeit gehört es darüber hinaus, Schulungen für Lehrer*innen und andere Multiplikator*innen anzubieten.
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Fot. Paweł Masłowski
Immer wieder stellt sich uns die Frage, was ein Massengrab ist. Im polnischen Recht ist sie nicht beantwortet. Allerdings verwendete der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ab 1996 eine Arbeitsdefinition, gemäß der ab drei Opfern von einem Massengrab gesprochen werden kann. Für die Gräber der Opfer während des Zweiten Weltkriegs legte niemand eine vergleichbare Definition fest. Der UN-Sonderberichterstatter für außergerichtliche, summarische und willkürliche Hinrichtungen übernahm 2020 einen Vorschlag von Forschenden der Universität Bournemouth in Großbritannien. Ihnen zufolge ist nicht die Zahl der Leichen das bestimmende Kriterium, unterschieden wird lediglich zwischen Massen- und individuellen Gräbern. Relevanter seien vielmehr die Umstände, unter denen die Menschen umkamen, insbesondere dann, wenn sie Opfer eines Verbrechens wurden. Aktuelle Forschungen verweisen zudem darauf, dass Massengräber erstens dadurch definiert sind, dass die in ihnen Begrabenen alle unter denselben Umständen zu Tode kamen, sowie zweitens, dass sie einen provisorischen Charakter haben. Dieser stimmt nicht mit Gesetzen oder Traditionen überein, es fehlen Grabsteine und Markierungen. Unabhängig davon, welche Kriterien zugrunde gelegt werden: Die Orte, um die es in unserem Projekt geht, entsprechen allen vorliegenden Arbeitsdefinitionen des Begriffs Massengrab.