Zeitgenössische Archäologie – Archäologie des Holocaust – Archäologie von Massengräbern
Zeitgenössische Archäologie ist ein vieldeutiger Begriff, dessen Bedeutung sich zunehmend noch erweitert. Damit kann gemeint sein: jegliche Tätigkeiten in Bezug auf materielle Überreste der jüngsten Vergangenheit; Forschung von Archäolog:innen zur modernen und zeitgenössischen Geschichte; Methoden und Techniken, vor allem nicht-invasive, die in der archäologischen Fachcommunity zur Anwendung kommen. Zeitgenössische Archäologie umfasst aber auch alle Aktivitäten in verschiedenen sozialen Räumen und im Bereich der Bildung, die sich auf materielle Spuren der neueren Geschichte beziehen. Zu den wichtigsten Forschungsfelder der zeitgenössischen Archäologie gehört die Beschäftigung mit den materiellen Überresten jüdischer Kultur und des Holocaust.
Archäologie des Holocaust bezeichnet archäologische Bemühungen, die auf die Identifizierung materieller Spuren der Ermordung von Juden:Jüdinnen während des Zweiten Weltkriegs zielen. Durch die Weiterentwicklung archäologischer Forschungswerkzeuge und die Öffnung für transdisziplinäre Forschung gewinnt die Archäologie des Holocaust zusätzliche Bedeutung. Insbesondere die sich dynamisch entwickelnde Verfeinerung nicht-invasiver Techniken und Methoden als Alternativen zu Ausgrabungen und Bohrungen, ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Im Feld der Holocaustarchäologie spielen solche Methoden eine herausgehobene Rolle aufgrund der jüdischen religiösen Gesetze (Halacha), nach denen die Totenruhe nicht gestört werden darf. Die zunehmende Bedeutung der Holocaustarchäologie ergibt sich außerdem aus dem Umstand, dass es mittlerweile kaum noch Menschen gibt, die sich an Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus aus eigenem Erleben erinnern können. Dadurch wird das materielle Gedächtnis immer wichtiger – die materiellen Überreste jüdischen Lebens stellen eine „stellvertretende“ oder „materielle Zeugenschaft“ dar.
Die Archäologie des Holocaust leistet einen wichtigen Beitrag dazu, das Wissen über die Todesumstände sowie die Mord- und Begräbnisstätten der Opfer oder über die ihnen gewidmeten Denkmäler zu vervollständigen, zu ergänzen und zu überprüfen. Dazu gehören auch Fragen im Zusammenhang mit dem sogenannten Holocaust durch Kugeln (Holocaust by bullets) und der „Aktion Reinhard“. Zur Erforschung dieser Themen trägt die Holocaustarchäologie im Projekt „Massengräber des Holocaust“ Wesentliches bei.
Zu den verwendeten Methoden und Techniken zählt die Triangulation von archäologischen Daten (z. B. aus Prospektionen und Feldbegehungen), historischen (z. B. Schriftdokumente und Bildmaterial), anthropologische und ethnoarchäologischer Daten (z. B. Interviews und teilnehmende Beobachtung), von Umweltdaten (z. B. Beschaffenheit des Bodens, Vegetation im Bereich der Begräbnisstätten) und durch Fernerkundung gewonnenen Daten (z. B. digitale Oberflächenmodelle, Luftbilder, kartografisches Material, Daten auf Grundlage geophysikalischer Methoden).
