„Aktion Reinhardt“ war der Tarnnamen für die deutschen Bestrebungen im Generalgouvernement (GG), die gesamte dortige jüdische Bevölkerung zu ermorden. Beim GG handelte es sich um den Teil des besetzten Polens, der nicht an das Deutsche Reich angegliedert worden war. Die „Aktion“ wurde zwischen 1941 und 1943 durchgeführt. Wie der Entscheidungsprozess im Vorfeld ablief, ist schwer nachzuvollziehen, da dazu fast keine Dokumente erhalten sind. Es ist davon auszugehen, dass es nicht einen einzelnen Befehl zum Holocaust gab, sondern dass sich vielmehr verschiedene Initiativen gegenseitig verstärkten – auf zentraler Ebene in Berlin wie auch auf lokaler Ebene im GG, vor dem Hintergrund des Kriegsverlaufs sowie der ständigen Weiterentwicklung antisemitischer Politiken innerhalb der Führungselite.
Die historische Forschung unterteilt die Aktion Reinhardt in verschiedenen Phasen, die sich an der Geschichte der Vernichtungslager in Bełżec, Sobibór und Treblinka orientieren. Im März 1942 wurde als erstes das Lager in Bełżec in Betrieb genommen; im Dezember 1943 war das Lager in Sobibór das letzte, das aufgelöst wurde. Die überwiegende Mehrheit der insgesamt circa 1,8 Millionen Opfer wurde im Verlauf des Jahres 1942 ermordet. Neben der jüdischen Bevölkerung des GG kamen in den Vernichtungslagern auch Juden und Jüdinnen aus anderen Ländern um, unter anderem aus der Slowakei, Deutschland, Österreich, Tschechien, der Sowjetunion und den Niederlanden. Unter den Opfern der Aktion Reinhardt waren auch Roma und Sinti, die sowohl in den Vernichtungslagern als auch im Zuge von Massenerschießungen ermordet wurden.
Eine besonders wichtige Rolle in der Planung spielte die Verwaltung des Distrikts Lublin. Auf Anweisung Himmlers bereitete dort der SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik mit einem Stab an Mitarbeitern die Umsetzung der Pläne vor. Hier wurde die grundlegende Logistik des Massenmordes erprobt. Unter anderem wurde der Ablauf der Deportationen in die Vernichtungslager ausgearbeitet und mit dem Bau der Gaskammern für das Lager in Bełżec begonnen. Die hier festgelegte Vorgehensweise wurden anschließend auf andere Distrikte übertragen und auch auf die anderen beiden Lager der Aktion Reinhardt in Treblinka und Sobibór. Weitere Lager im besetzten Polen dienten der Auslöschung der europäischen Juden und Jüdinnen: das Lager Majdanek, das sich ebenfalls im GG befand, sowie außerhalb davon die bereits zuvor in Betrieb genommene Lager Kulmhof und Auschwitz-Birkenau.
Die Deportation der Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager waren möglich aufgrund der gezielten Vorbereitungen der jeweiligen lokalen Behörden. Zunächst wurden der lokalen jüdischen Bevölkerung weitere Verpflichtungen und immer neue Restriktionen auferlegt, womit sich die gesellschaftliche Isolation noch verschärfte und ihr Überleben nahezu unmöglich wurde. Zu nennen sind Raub, Zwangsarbeit, Verpflichtung zum Tragen des Davidsterns, Ghettoisierung und Umsiedlung von jüdischen Einwohner*innen kleinerer Orte, Zwangsabgaben und Terror.
Durchgeführt wurden die Deportationen von der Gendarmerie und weiteren deutschen Polizeieinheiten sowie der ihnen unterstellten polnischen „blauen“ Polizei (so benannt nach der Farbe ihrer Uniformen). Im Distrikt Galizien und im östlichen Teil des Distrikts Krakaus waren auch ukrainische Polizisten beteiligt. Darüber hinaus wurden Einheiten aus ehemaligen Soldaten der sowjetischen Armee zusammengestellt, die in deutschen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert wurden. Diese Soldaten stammten mehrheitlich aus der Ukraine, Litauen und Lettland und wurden in einem speziellen Lager in Trawniki trainiert. Zu den Deportationen wurden noch weitere Organisationen und Diensteinheiten herangezogen, beispielsweise Feuerwehr, Grenzschutz und Baudienst, aber auch die jüdische Ghettopolizei.
Die Deportationen liefen meist ähnlich ab. Am dafür festgelegten Tag musste sich die jüdische Bevölkerung an einem Sammelpunkt einfinden. Die Menschen durften nur wenige persönliche Gegenstände mitnehmen. Wer Widerstand leistete, wer zu schwach für den Transport schien oder nicht in der Lage war, das Haus zu verlassen, wurde vor Ort ermordet. Am Sammelpunkt erfolgte in der Regel eine Selektion, bei der eine kleine Gruppe zur Arbeit ausgewählt wurde, während die übrigen Menschen zur Ermordung bestimmt waren. Als nächstes wurden die Juden und Jüdinnen zum Bahnhof eskortiert – je nach Lage des Ortes entweder zu Fuß, mit Kraftwagen oder Pferdekarren, die von den Bewohner*innen der umliegenden Dörfer zur Verfügung gestellt werden mussten. Oftmals blieb eine Gruppe von Juden aus der jeweiligen Ortschaft zurück, um die zurückgelassene Habe zu sortieren und die Ermordeten zu beerdigen. Bei dieser Gruppe handelte es sich manchmal um Angehörige der jüdischen Polizei oder Mitglieder des örtlichen Judenrats. Sie wurden im Anschluss in ein anderes Ghetto bzw. Arbeitslager verbracht oder an Ort und Stelle ermordet.
Die Logistik der Aktion Reinhardt ist bislang noch kaum erforscht. Es scheint, dass dabei viele Faktoren eine Rolle spielten, darunter das Bahnnetz, die Lage an der Ostfront, die Effizienz des Massenmordes in den Vernichtungslagern, die Anforderungen der Wirtschaft im GG, die für die Lebensmittelproduktion auf Zwangsarbeit angewiesen war, das Engagement der lokalen Behörden sowie die Verfügbarkeit von Einheiten, mit denen die Deportationen durchgeführt werden konnten.
Im Projekt „Massengräber des Holocaust“ geht es vor allem um diejenigen Opfer der Aktion Reinhardt, die nicht in die Vernichtungslager deportiert wurden. In einigen Ortschaften wurde die gesamte jüdische Gemeinde vor Ort erschossen. Diese Mordaktionen ähnelten den Massenerschießungen, welche die Einsatzgruppen 1941 in der besetzten Sowjetunion durchführte. Es kam auch vor, dass vor Ort alle die Menschen erschossen wurden, die zu schwach für einen Transport schienen: Kranke, Kinder und Alte. Stets verübten die Deutschen auch Morde, bei denen kein unmittelbarer Zusammenhang mit den Selektionen bestand. Schätzungsweise starben etwa 20 Prozent der Ghettobevölkerungen vor Ort.
Den Massenmorde vor Ort durchzuführen erforderte, ähnlich wie die Deportationen, auf Seiten der Täter umfangreiche Vorbereitungen. Für die Erschießungen musste ein geeigneter Ort gefunden werden. Die Wahl fiel zumeist auf eine etwas abseits gelegene Stelle auf dem lokalen jüdischen Friedhof oder außerhalb der Ortschaft. Zum Ausheben der Gruben, dazu, diese später wieder zuzuschütten und auch dazu, die Habe der Ermordeten zu sortieren, bedurfte es Arbeitskräfte. Darüber hinaus musste ermittelt werden, wie man an eine ausreichende Menge Löschkalk kommen konnte, um die Leichen damit abzudecken; es mussten LKWs oder Pferdewagen requiriert werden; Holz wurde benötigt, um die Grubenwände abzustützen; manchmal wurde Balken herangeschafft und über die Gruben gelegt, um die Opfer darauf zu erschießen. Wenn wir diese Einzelheiten detailliert in den Blick zu nehmen, erhalten wir ein genaueres Verständnis der Geschichte des Holocaust sowie der Rolle der Täter und ihrer Gehilfen. Auch das Verhalten der nicht-jüdischen lokalen Bevölkerung kann durch diesen Ansatz genauer beleuchtet werden.
Nach den Deportationen und den damit einhergehenden Morden blieb oftmals noch eine gewisse Zahl an Juden und Jüdinnen an ihren Wohnorten zurück. Viele von ihnen entschieden sich zur Flucht und bemühten sich, ein Versteck zu finden. Im Herbst 1942 wurden im GG in 54 Ortschaften sogenannte Restghettos ausgewiesen. Die Deutschen sicherten zu, dass Personen, die den Deportationen entkommen waren, dort einen Platz zum Leben haben würden. Daraufhin meldeten sich viele Menschen, die angesichts des Winters und der feindlichen Umgebung keine andere Überlebenschance für sich sahen. Auch wenn die Deutschen es anders versprochen hatten: Diese Ghettos wurden in den folgenden Monaten des Jahres 1943 ebenfalls liquidiert und die Einwohner*innen entweder in die Vernichtungslager verbracht oder vor Ort ermordet. Ein Teil der Geflüchteten wurde eingefangen. Diese Menschen wurden im Wald und auf jüdischen Friedhöfen ermordet oder in Zwangsarbeitslager geschickt.
Zum Ende des Jahres 1943 demontierte die SS die Vernichtungslager, vernichtete jegliche Dokumente und verwischte die Spuren. Ähnliche Maßnahmen nahmen die Täter an den Orten der Massenerschießungen vor. Auf den Massengräbern wurden Bäume gepflanzt; an einigen Orten, vor allem im Distrikt Galizien, gruben Sonderkommandos die Leichen aus und verbrannten sie, um Beweise der deutschen Verbrechen zu beseitigen. Die Aktion Reinhardt hinterließ auf dem historischen Gebiet des GG, das heute in Polen und der Ukraine liegt, eine Vielzahl kleiner und größerer Grabstätten. Die genaue Anzahl ist unbekannt, wie auch in vielen Fällen die genaue Lage. Wir wissen von etwa 200 Massengräbern, die im Gelände markiert sind und für die es ein Erinnerungszeichen gibt. Es ist zu vermuten, dass die Anzahl der nicht markierten und nicht erinnerten Gräber wesentlich höher ist.
Siehe auch: Erinnerung an die Aktion Reinhardt
