ERINNERUNG AN DIE AKTION REINHARDT

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden zunächst keine Gedenkorte auf den Arealen der ehemaligen Vernichtungslager in Bełżec, Sobibór, Treblinka. Stattdessen bemühten sich Überlebende des Holocaust in der Region der sogenannten Aktion Reinhard zunächst darum, in ihren Wohnorten ein Gedenken an die Opfer, die zumeist im Rahmen der Auflösungen der Ghettos erschossen wurden, zu etablieren. Sie sicherten Massengräber gegen Schändungen und Grabungen, stellten Mazewot und Informationstafeln auf. Die meisten Überlebenden verließen Polen jedoch schon bald; in der Mehrzahl der Orte, in denen die Aktion Reinhardt stattfand, noch in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre. Damit gab es dort keine Menschen mehr, die sich für eine Erinnerung an den Holocaust einsetzen. Die oft nur provisorisch errichteten Gedenkzeichen verfielen schnell.

In den 1960er Jahren begann sich die Erinnerung zu verändern und erste Denkmäler für die Lager der Aktion Reinhardt entstanden. In Bełżec wurde 1963 ein quaderförmiges Denkmal eingeweiht, das auch als Behältnis für menschliche Überreste diente. Zwei Jahre später wurde ein Denkmal in Sobibór errichtet: Dort wurde über den Massengräbern ein Erdhügel mit 50 Metern Durchmesser aufgeschüttet. An beiden Standorten wurde außerdem eine Skulptur aufgestellt. In Bełżec zeigte sie zwei ermordete Gefangene, in Sobibór eine Mutter mit Kind. Teile dieser Anlagen wurden in die spätere museale Gestaltung der ehemaligen Lagergelände einbezogen. Auch das 1964 eröffnete Denkmal in Treblinka erstreckt sich über den Bereich der Massengräber. Es besteht aus einem zentralen, hochaufragenden Element aus Granitblöcken und aus Steinen, auf denen die Namen der Städte und Dörfer eingraviert sind, aus denen die Opfer stammten. Zusätzlich wurden einzelne Punkte des vormaligen Lagergeländes markiert, unter anderem das Tor oder die Rampe. In dieser Zeit wurden die Opfer der Aktion Reinhardt in der Regel äußerst allgemein erinnert und beispielsweise als „Opfer des Hitler-Terrors“ bezeichnet. Die polnische Geschichtspolitik vermied es so auszusprechen, dass es hauptsächlich jüdische Opfer waren, an die hier gedacht werden sollte.

2004 wurde in Bełżec eine neue Denkmalanlage eröffnet. Sie kennzeichnet und sichert den Bereich des vormaligen Lagers, in dem sich menschliche Überreste befinden. Außerdem wurde ein Gebäude errichtet, in dem eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes gezeigt wird. Die Gedenkstätte entstand dank einer Kooperation zwischen dem United States Holocaust Memorial Museum (USHHM) in Washington und dem polnischen „Rat zur Bewahrung des Gedenkens an Kampf und Martyrium” (poln.: Rada Ochrony Pamięci Walk i Męczeństwa). Zu einer ähnlichen Initiative kam es für Sobibór erst deutlich später. Als Ergebnis einer Zusammenarbeit von polnischen, israelischen, niederländischen,  slowakischen und deutschen Institutionen wurde die Gestaltung des Geländes neu konzipiert und ein Museums- und Bildungszentrum gebaut. Eine Ausstellung wurde hier 2019 eröffnet, die neue Denkmalanlage dann 2023. Die Ausstellungen an beiden Orten informieren nun darüber, dass in den Vernichtungslagern fast ausschließlich jüdische Opfer ermordet wurden. In Treblinka dauern die Arbeiten zur Neugestaltung weiterhin an. Hier entstanden zudem außerhalb des ehemaligen Lagergeländes verschiedene Gedenkzeichen. Sie sind allerdings Gegenstand von Kontroversen, zum einen, weil sie an Polen erinnern, die Juden*Jüdinnen gerettet haben und diejenigen verschweigen, die sich an deren Verfolgung beteiligten, und zum anderen, weil christliche Symboliken verwendet werden.

In den Städten und Dörfern, in denen die Massenmorde in unmittelbarer Nachbarschaft begangen wurden oder von denen aus die lokale jüdische Bevölkerung in die Lager deportiert wurden, stellt sich das Gedenken heute ausgesprochen heterogen dar. Beispielsweise sind bestehende Erinnerungszeichen in sehr unterschiedlichem Zustand. Während einige Grabstätten gekennzeichnet und gut gesichert sind, einige Denkmäler mehrfach saniert wurden, sind andere Gräber nicht markiert oder ihre Gedenkzeichen in sehr schlechtem Zustand. An den Bahnhöfe, von denen aus die Opfer in die Vernichtungslager deportiert wurden, sind nur selten mit Informationen zu den historischen Ereignissen zu finden. Auch für Zwangsarbeitslager gibt es nur selten Erinnerungszeichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Gedenken an die Opfer der Aktion Reinhardt die Orte konzentriert, an denen die meisten Menschen gestorben sind. Bełżec, Sobibór und Treblinka liegen allerdings abseits großer Städte und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Nur wenige Straßenschilder weisen darauf hin, wo sich die Gedenkstätten genau befinden. So entsteht der Eindruck, dass der Holocaust irgendwo weit weg, hinter den Mauern und Zäunen der Lager stattfand, den Blicken der nichtjüdischen Bevölkerung im besetzten Polen, in erster Linie der Polen und Polinnen, aber auch der ukrainischen und lemkischen Minderheit, entzogen. Außerhalb der ehemaligen Lager gibt es kaum ein Gedenken an die Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Wo es zu finden ist, steht die Rettung von Juden*Jüdinnen durch Polen und Polinnen im Mittelpunkt, wie zum Beispiel im Familie-Ulma-Museum in Markowa. Zugleich sind aber die Jahrestage der Ghettoliquidierungen und der Deportationen, die im Rahmen der Aktion Reinhardt durchgeführt wurden, für lokale Aktivist*innen, die sich für ein Gedenken an die jüdische Bevölkerung ihrer Wohnorte einsetzen, wichtige Daten. Sie organisieren Gedenkmärsche oder Feierlichkeiten auf den Friedhöfen oder an den Massengräbern.